Ein echter Nobody

dead man, jim jarmusch, sichtart, nobody,Wer kennt „Dead Man“, den 1995 als schwarz-weiß Western gedrehten Film von Jim Jarmusch? Darin geht es um einen etwas größeren Transformations-Prozess des jungen Buchhalters William Blake. Begleitet wird dieser vom Indianer Nobody, auch Exhibitchee genannt. Der Name bedeutet in der Übersetzung aus dem Indianischen „the man who talks loud, but says nothing“. Es ist ein Film mit kafkaesken Zügen, mit Bräuchen der Indianer des pazifischen Nordwestens und mythologischen Motiven von William Blake und Dantes. Und ein Film über einen echten Nobody. 

Es gibt wohl mindestens 2 Arten von Nobodys. Die eine Art Nobody redet laut oder viel und sagt im Grunde doch nix. Diese Nobodys nutzen allerhand an Flutschbegriffen. Das sind laut Lars Vollmer all jene Begriffe, die man vielseitig und besonders oberflächlich verwenden kann, um viel zu reden und doch nix zu sagen. Flutschbegriffe erfüllen mehrere Funktionen in Unternehmen. Sie lassen viel offen und unklar, sind vielseitig einsetzbar, ermöglichen Positionsmacht-Stärkung oder lenken sehr gut von echten Problemen ab. Begriffe wir Strategie, Wertschätzung, Ziele, Ressourcen, Partizipation, agile Transformation, Budget, Change. Das sind viel geübte Begriffe, die in Organisationen durch die Gegend stolpern, von allen aufgefangen, abgenickt, weiterverwendet und wiederverwertet werden. Situationsangepasstes Verwenden quasi. Jedoch passiert dabei dann oftmals, abgesehen vom Reden und Anpassen, nicht viel. Das sind dann diese Nobody-Gespräche, die Distanz aufrechterhalten, anstatt Begegnung ermöglichen. Silke Hermann und Niels Pfläging haben auch eine feine Sammlung an Klapperbegriffen erstellt: Darin findet man Bringschuld, Kulturentwicklung, Meilensteine, Management, Leistungsspannen, Fachkarriere, 3.0, 4.0, 5.0. Also Begriffe die Menschenbildirrtümer und Steuerungsmetaphern einzementieren. All diese Begriffen werden oftmals in Gesprächen, in stundenlangen Meetings verwendet und doch sind es keine echten Dialoge die stattfinden. Oberflächliches, angepasstes oder trivialisiertes Besprechen wird wunderbar möglich. Wirksame Entscheidungen, erforderliche Auseinandersetzungen oder echte Begegnungen jedoch nicht. Also Nobody-Talks zur Aufrechterhaltung von viel geübten, brillant dargebotenen, anstrengenden Inszenierungen. Macht man halt so,…bei uns,… immer schon.

Und dann gibt es die echten Nobodys, wie Nobody aus „Dead Man“: Der von der Ostküste stammende Buchhalter Blake lässt die Zivilisation hinter sich und tritt einen Weg in den Westen an, der ihn seine Unschuld und sein Leben kostet, dafür aber eine reiche innere Erfahrung schenkt. Letztlich geht es Nobody darum, die Seele des William Blake durch das Fegefeuer des Wilden Westens zu bringen. An der Pazifikküste kann er ihn schließlich für die Fahrt über das Wasser einschiffen, was ein Symbol für die Erlösung oder Reinkarnation der Seele ist. Dieser Indianer bereitet William Blake also auf seine Reise in eine spirituelle Welt vor. Man könnte auch sagen auf den Tod, oder auf das Sterben und dann auf den Tod oder auf das Leben vor dem Sterben und dann auf den Tod. Oder es ist einfach nur eine Metapher. Eine sehr große Metapher für all jene Veränderungen, die das Leben oftmals mit sich bringt und die durch die Begleitung von und Dialoge mit einem echten Nobody bereichert und ermöglicht werden.

Quelle: Dead Man, 1995, Regie und Drehbuch: Jim Jarmusch, Produktion: Demetra J. MacBride, Musik: Neil Young,  Kamera: Robby Müller, Schnitt: Jay Rabinowitz

Das sind dann Nobodys, die viel zu sagen haben, jedoch nicht immer verstanden oder gehört werden. Denn sie bringen Neues, Anderes, Ungewohntes, Irritierendes ein. Sie hören zu und beobachten. Sie schauen dem Leben ins Gesicht und den Menschen auch. Sie stellen alles was sie so beobachten zur Verfügung. Sie verwirren, regen auf oder stören und sind nicht immer sehr erwünscht. Ein echter Nobody ist ein Mensch, den wir um uns haben und der uns begleiten, wenn es wirklich wichtig ist, wenn es drauf ankommt. Ein echter Nobody macht aufmerksam, ist kritisch und lässt uns sein. Er ist da, wenn es mühsam wird, anstrengend ist, wenn man wo durch muss, etwas hinter sich lässt, wenn man echte Entscheidungen treffen muss, vor neuen Herausforderungen steht, wenn man noch gar nicht weiß, was und wie es danach sein wird. Ein echter Nobody bringt etwas in uns zum Schwingen.

Jetzt fällt mir noch eine dritte Art von Nobodys ein. Der echte Nobody in uns selbst. Unsere innere Stimme, innere Stärke, intuitive Kraft, unsere Überzeugung, unsere eigene Weisheit. Dieser Nobody muss auch oftmals sehr laut und viel und lange reden und wird nicht immer gehört oder sofort verstanden. Und doch ist er ein treuer Begleiter bei Transformationen aller Art.

So, ich hoffe das klingt jetzt nicht wie eine Sonntagspredigt.

Und weil es gerade passt: Vielen Dank an all die echten Nobodys, die so in meinem (Arbeits-)Leben sind. Danke für all die inspirierenden Projekte, Dialoge und Lernräume, die wir heuer wieder mitgestalten und erleben konnten. Danke für alle Anregungen, Hinweise und coole Denkzettel. Auf weiterhin tolle Zusammenarbeit und erfolgreiches Transformieren.

Mein Weihnachtswunsch: Echte Nobodys für alle!
All the best von Elisabeth Sechser & der Sichtart-Bande

in memoriam an Mike Austin. Ein Grenzgänger und Vermittler zwischen zwei Welten. Mike war ein echter Indianer, ein Cherokee, ein echter Nobody, ein Poet, ein wunderbarer Mensch und Freund.

24. und 25 Januar 2019
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