Autonomie gilt als eines der großen Versprechen der modernen Welt. In Organisationen, in der Arbeitswelt, in der Gesellschaft. Wir sollen selbstbestimmt arbeiten, eigenverantwortlich handeln, frei entscheiden. Freiheit wird häufig als Freiheit von etwas verstanden: von Abhängigkeiten, von Hierarchien, von Einmischung.
Doch dieses Bild greift zu kurz: Der Mensch ist kein isoliertes Wesen. Es gibt ihn gar nicht als Einzelstück. Wir kommen nicht allein auf die Welt, wir wachsen nicht allein auf, wir arbeiten nicht allein, wir leben nicht allein. Unser Leben ist von Anfang an relational. Wir sind verletzlich, angewiesen, miteinander verbunden. Autonomie entsteht nicht trotz dieser Abhängigkeiten – sondern gerade durch sie. Echte Autonomie ist immer ein gemeinsames Projekt.
Die Illusion der vollkommenen Unabhängigkeit
In vielen Organisationen wird Autonomie noch immer als individuelles Leistungsversprechen verstanden: Jede und jeder soll für sich funktionieren, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen. Doch diese Vorstellung übersieht etwas Grundlegendes:
Der Mediziner und Philosoph Giovanni Maio erinnert in seiner „Ethik der Verletzlichkeit“ daran, dass menschliches Leben wesentlich durch Verwundbarkeit geprägt ist. Wir sind auf Fürsorge, Vertrauen und Unterstützung angewiesen – nicht nur in Krisen, sondern ständig.
Auch die Philosophin Beate Rössler zeigt in ihren Arbeiten zur Autonomie: Selbstbestimmung ist kein isolierter Akt eines souveränen Individuums. Sie entsteht innerhalb sozialer Beziehungen, kultureller Kontexte und gemeinsamer Praktiken. Autonomie ist daher nie reine Unabhängigkeit. Sie ist immer relationale Autonomie.
Freiheit für etwas – nicht nur Freiheit von
Vielleicht müssen wir deshalb unser Freiheitsverständnis verschieben. Weniger Freiheit von anderen – mehr Freiheit für etwas Gemeinsames, Freiheit für Zusammenarbeit, für gemeinsame Führungsarbeit, Freiheit für Verantwortung füreinander, Freiheit für gemeinsames Denken und Entscheiden.
Gute Zusammenarbeit entsteht nicht dadurch, dass alle möglichst unabhängig voneinander arbeiten. Sie entsteht dort, wo Menschen sich aufeinander verlassen können, wo Verbindlichkeit gelebt werden, wo unterschiedliches Können und Wissen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede verwoben werden. In solchen Räumen wird Abhängigkeit nicht als Schwäche erlebt. Sie ist die Grundlage von Kooperation.
Caring Companies: Organisationen, die Angewiesenheit ernst nehmen
Hier berührt die philosophische Frage eine ganz praktische Dimension. Was würde es für Organisationen bedeuten, wenn sie nicht länger so tun würden, als seien Menschen vollkommen autonom – sondern anerkennen würden, dass wir aufeinander angewiesen sind? Caring Companies verstehen diese Fürsorge, diese Angewiesenheit nicht als weichen Zusatz, sondern als strukturelles Prinzip. Sie gestalten Arbeitswelten, in denen Menschen sich gegenseitig unterstützen können und müssen, wo Vertrauen wichtig ist, wo Verantwortung geteilt wird.
Eine Caring Company weiß: Produktivität entsteht nicht gegen menschliche Bedürfnisse, sondern durch Beziehungen, die tragen. Gerade in Zeiten von New Work wird diese Einsicht zentral. Selbstorganisation funktioniert nicht ohne Autonomie. Autonomie braucht relationale Verbindungen, Verlässlichkeit. Freiheit braucht Beziehung. Eine Organisation, die gegenseitige Abhängigkeit anerkennt, schafft Räume für echte Kooperation. Sie ermöglicht Beteiligung, Dialog und gemeinsames Denken und Handeln. Autonomie wird dann nicht zum Rückzug ins Individuelle – sondern zu einer Praxis des gemeinsamen Handelns.
März 2026, Denkanregungen von Elisabeth Sechser
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Wichtige Fragen gemeinsam denken! Im Philosophischen Salon am 10. März möchten wir genau diesen Fragen nachgehen:
- Wie lassen sich Selbstbestimmung und Angewiesenheit zusammendenken?
- Was bedeutet das für Zusammenarbeit, Verantwortung und Führung in Teams?
Mit philosophischen Impulsen – unter anderem aus Giovanni Maios Ethik der Verletzlichkeit und Beate Rösslers Autonomiebegriff – öffnen wir einen Raum für gemeinsames Denken.
LIVE Termin: 10. März 2026, 17:00-20:00 Uhr, 1070 Wien, bei Sichtart
Wer nicht “live” dabei sein kann. Am 13. April 2025 von 17-19 Uhr Uhr gibt es den Onlinetermin via Zoom. Mit Anmeldung an info@sichtart.at gilt diese als verbindlich. Bei Verhinderung kann sehr gerne eine Ersatzperson teilnehmen. Kostenbeitrag: 75.- zzgl. 20% MwSt., Rechnung wird mit TN-Bestätigung als Fortbildung „Grundlagen des ethischen Handelns“ ausgestellt.
Gestaltet von und mit:
- Markus Amann, Philosoph, philosophischer Praktiker, Supervisor, Coach
- Elisabeth Sechser, Organisationsentwicklerin, Publizistin, Expertin für New Work und die Caring Economy

