Über Führung, Hierarchie und Beratung.
Seit über 20 Jahren begleite und berate ich Organisationen. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, dann hat sich nicht nur die Arbeitswelt verändert, sondern vor allem die Frage, wofür Beratung eigentlich da ist. Früher ging es oftmals darum, Menschen dabei zu unterstützen, innerhalb bestehender Strukturen gut funktionieren zu können. Reflexionsräume — auch die Supervision — sollten Spannungen bearbeitbar machen. Die Ordnung selbst wurde kaum ernsthaft infrage gestellt.
Heute ist genau das zunehmend problematisch. Die Ordnungen ändern sich und sind in Bewegung. Die Empfehlung “zu erkennen, innerhalb welchen Rahmens Menschen gestalten können“ klingt vernünftig, erzeugt jedoch oftmals Anpassung. Sie verkleinert Denk-, Verhandlungs- und Gestaltungsräume erwachsener Menschen. Ich halte das nicht nur für entwicklungshemmend, sondern teilweise auch für ethisch fragwürdig. Organisationen verändern sich nicht dadurch, dass Menschen lernen, sich besser mit widersprüchlichen Strukturen zu arrangieren.
Aktuell gibt es in vielen Unternehmen eine eigentümliche Doppelbewegung: Teamsteuerung, Selbstorganisation wird erwartet, Verantwortung eingefordert — während Entscheidungen weiterhin in alten Mustern abgesichert werden. Beratung hat hier den Auftrag die kritsche Urteilskraft zu schärfen und den gesamten Gestaltungsspielraum zu öffnen.
Unternehmen müssen Hierarchie einen neuen Platz zuweisen und müssen dezentrale Unternehmenssteuerung wollen. Außerhalb tayloristischer Reflexionsbrillen braucht es andere Formen von Organisationsentwicklung und Supervision. Es braucht andere Beratungsinterventionen. Gruppendynamische Gesetzmäßigkeiten haben eine völlig neue Bedeutung, wenn Hierarchie eine andere Funktion bekommt und sich gemeinsame Führungsarbeit entfalten soll.
Beratung heißt auch Sozialisationsprozesse in Unternehmen neu zu denken und Räume zu schaffen, in denen alte Interaktionsmuster ihre Macht verlieren können. Dafür braucht es auch einen kritischen Blick auf Beratung selbst. Beratung wird dort interessant, wo sie Denkgewohnheiten irritiert, Anpassungslogiken hinterfragt und Organisationen zumuten kann, Verantwortung tatsächlich gemeinsam zu tragen. Das macht Beratung nicht immer angenehmer, aber relevanter. Genau darin leigt ihr eigentlicher Wert.
Und ja, ich weiß, manche meiner “Unternehmen müssen” -Sätze lösen auch Widerstand aus. Natürlich muss niemand irgendetwas. Wer mich kennt, weiß, dass ich oft klar und entschlossen formuliere. Es sind wärmste Empfehlungen, Essenz für echtes New Work. Klar ausgesprochen – bei völliger Freiheit, trotzdem weiterzumachen wie bisher. Genau darin liegt die Verantwortung und die Wirkung. So oder so.
Lernraum under construction:
“Unlearn Organisation. Organisationsgestaltung ohne „oben und unten“. Postpatriarchal. Demokratisch. Partnerschaftlich.”
