Die Lust der Frauen am Erfolg

Im Zuge einer Veranstaltung wurde ich gebeten, einen Impuls zum Titel “Die Lust der Frauen am Erfolg – Karriereverständnis utopisch betrachtet” zu setzen. Schon der Titel verrät einiges. Wie steht es um unsere Lust am Erfolg? Haben wir weniger Lustgewinn am Erfolg, der in vordemokratischen, patriarchalen Narrativen definiert wird? Handelt es sich dabei überhaupt um echten Erfolg? Eine Gesellschaft, in der Frauen keine Lust am Erfolg hätten, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Wir wären wohl alle verloren. Möglicherweise geht es bei diesem Thema mehr um den Mangel an Erfolgslust, der auf Kosten von etwas und von anderen geht. Also um den Pseudoerfolg.

Bild: Das Partnerschaftsmodells von Riane Eisler

Mary Follett, die Pionierin der demokratisch-dezentralisierten Organisation sagte einmal:

“Niemand kann uns Demokratie geben, wir müssen Demokratie lernen. Es bedeutet, sich nicht für eine bestimmte Form der Gesellschaft zu entscheiden, sondern zu lernen, wie man mit anderen Menschen zusammenlebt. So ist das Hauptmerkmal von Demokratie die Schaffung und Gestaltung von Gruppenbeziehungen.”

Mary Follett

Das gilt natürlich auch und vor allem für Arbeitsorte.

Gemeinsame Wertschöpfung steht im Vordergrund

Ein paar wenige Namen von vielen: Was haben die Schwedischen Handelsbanken, das IT-Dienstleistungs-Unternehmen Metafinanz, DM Drogerie Markt Deutschland, der Autohersteller Toyota, das berühmte Produktionsunternehmen W.L. Gore, Büromöbel Blaha, die Porath Zollagentur, Morningstar oder die erfolgreichste Mobile Pflege Organisation Buurtzorg gemeinsam?

Auf den ersten Blick nichts. Sie existieren in unterschiedlichsten Märkten, für diverseste Kund*innen, bieten verschiedenste Produkte und Dienstleistungen an. Sie sind in unterschiedlichen Ländern erfolgreich. Doch sie haben etwas wesentliches gemeinsam. Sie haben ihre Unternehmen nach denselben Prinzipien gestaltet. „Outside-in“ statt „Top-down“. Wertschöpfende Teams in vernetzen, dezentralen Strukturen. Es sind alles lebendige, agile, humane Arbeitsorte. Erfolgreiche.

Wenn wir also von Utopie sprechen, dann muss ich Sie auch gleichzeitig enttäuschen. Denn es gibt diese Unternehmensformen schon. Es gibt einige bereits schon sehr lange. Es sind Organisationen, die sich vollkommen auf exzellente Höchstleistung konzentrieren, auf beste Bedingungen für großartige Teamarbeit. Unternehmen, die auf die Potentialentfaltung aller – Frauen wie Männer – setzen. Unternehmen, die das gemeinsame Wertschöpfen in den Vordergrund stellen.

Und sie tun alles, um Hindernisse dafür zu vermeiden. Man findet dort weder Überbürokratisierung, noch Meetingtourismus, keine Jahreszielvorgaben oder Plan-Ist Vergleiche, auch keine Einzelleistungsmessungen – Beurteilungen von Individuen, Prämien oder individuelle Zielvorgaben fehlen. Es fehlt an Wertschöpfungshindernis-Kram, den sich so viele Organisationen aus dem vordemokratischen Taylorismus schön feinsäuberlich mitgenommen haben. Es gibt dort keine Karriereleitern, die man emporklettern muss, um weiterzukommen. (Das Sprachbild der Karriereleiter ist an und für sich unglaublich absurd).

Dafür gibt es individuelle Werdegänge. Statt der allseits vertrauten Aufstiegskarriere gibt es flüssige Karriereentwicklung, Könnerschaft im Fokus und Lernangebote für alle. Es existiert dort keine Letztverantwortung, die an einer Führungskraft klebt, dafür gibt es geteilte Verantwortung in unternehmerisch denkend und handelnden Teams. Führungsarbeit ist nicht Menschenführung – Das war noch nie eine gute Idee. Niemand hat „Leute unter sich“ und kümmert sich um „die Entwicklung erwachsener Menschen“ oder führt sie – wohin auch immer. Niemand „führt Menschen“. Teams führen das Business. Die Arbeit selbst führt Teams. Es geht nicht um die „Verfügungsmasse Mensch“, sondern darum, aus diversen individuellen Potentialen, gemeinsame Beiträge zu schöpfen.

Frauen können

Auch findet man in diesen Unternehmen keine Frauenförderprogramme – Frauen müssen nicht gefördert werden. Frauen schaffen bereits Großartiges in Unternehmen und in der Gesellschaft. Sie sind Meisterinnen – wir sind Meisterinnen – im Wertschöpfen und im volkswirtschaftlichen Beitrag leisten. Es fehlt nicht an der Förderung der Frauen für mehr Lust am Erfolg. Vielmehr sind es strukturelle Hindernisse, diese sogenannten Dominanz-Muster, patriarchalen Spuren, vordemokratischen Elemente, die die Lust der Frauen am Erfolg zerstören.

Verantwortungsvolle Organisationsgestaltung macht Lust am Erfolg

Wenn wir also über die Lust am Erfolg gemeinsam nachdenken wollen, dann sollten wir uns sehr bemühen, die manifestierten Vorstellungen von Organisationsgestaltung, von Führung, von Erfolg, von Macht, von Karriere zu hinterfragen und die attraktiven Alternativen zulassen, durchdenken und gemeinsam mit der Arbeit verweben. Wir sollten gemeinsam am System arbeiten, statt im System alles und alle optimieren zu versuchen. Die gute Nachricht ist: Wir können gemeinsam Organisationen gestalten.

Für Lust am Erfolg brauchen wir eine verantwortungsvolle Organisationsgestaltung. Wir brauchen Organisationslogiken und Strukturen, in denen sich Menschen in Demokratie weiter entfalten können. Und wir alle erleben das tagtäglich, dass veraltete, lückenhafte, dysfunktionale Wirtschafts- und Managementkonzepte, die auch heute noch dominieren, vielerlei Probleme verursachen. Vergessen wir nicht: In Organisation trifft sich Gesellschaft. Organisationen sind gesellschaftlich prägende Orte, sind Demokratiewerkstätten oder nicht, sind Wertschöpfungs-Booster oder Abschöpfungs-Booster, sind Top-down getrieben oder partnerschaftlich, gleichrangig vernetzt.

Menschen, welchen Geschlechts auch immer, tragen Lust am Erfolg in sich, haben Lust auf Erfolg. Lust auf Wirkung, Lust auf Beitrag leisten, Lust auf Mitgestalten. Das entspricht unserer menschlichen Natur. Und dass dies Frauen im herausragenden Maße bereits machen, wissen wir auch schon länger – vieles, viel zu vieles zwar unbezahlt und schlecht bezahlt, jedoch existentiell für den wirtschaftlichen Erfolg als Gesellschaft. Es wäre eine fatale Unterstellung zu behaupten, dass Frauen keine oder wenige Lust am Erfolg hätten. Vielmehr geht es darum, welche Muster in Organisationen „Erfolgslust-Beförderer“ oder „Liebestöter“ – also „Erfolgs-Lust-Zertrampler“ sind. Wenn wir diese Muster verstehen, können wir uns darum kümmern.  

Arbeitsorte prägen maßgeblich Gesellschaft mit

Arbeitsorte prägen maßgeblich Gesellschaft mit. Ob wir das wollen oder nicht. Ob wir das gut finden oder nicht. Und so wie wir in Gesellschaften prägende Muster vorfinden, die Demokratie, die Wohlstand, die Arbeit, die Erwerbsarbeit, die eine gesunde, starke Wirtschaft und Gesellschaft befördern oder schwächen, so finden wir diese Muster auch in jedem Unternehmen. Die Lust am Erfolg kommt vor allem dann zurück, wenn man „Liebes-Töter“ und „Erfolgs-Lust-Zertrampler-Muster“ in Unternehmen und in der Gesellschaft beseitigt und eine partnerschaftliche Familienpolitik, eine partnerschaftliche Bildungspolitik und partnerschaftliches Unternehmertum in den Fokus rückt.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Frauenförderprogramme sind großartig. Ich hoffe sehr, dass viele Frauen in viele hierarchische Positionen steigen, um dann ihre Autorität zu nutzen, um an der erforderlichen Systemüberwindung mitzuwirken, um die alte, vordemokratische, pyramidale Organisationsform zu überwinden. Doch wir wissen alle auch, dass Sprache Wirklichkeit macht und ich möchte den Gedanken teilen, das Wort Frauenförderung zu überdenken, denn es handelt sich hierbei um ein Wertschöpfungsprogramm, um ein Höchstleistungsermöglichungsvorhaben, um Vordemokratieentrümpelung, um die gesamte Potentialnutzung.

Die erfolgreiche Organisation der Zukunft

Organisationen sind prägende Orte in Gesellschaften, sie sind Gesellschaften in Gesellschaften, sie fördern das Miteinander oder das Gegeneinander. Sie stärken die Gemeinschaft oder sie erzeugen Vereinzelung, sie spiegeln gesellschaftlich schwächende, schädliche Muster wider oder bieten andere an. Jede Organisation hat immer die Wahl. Täglich. Denn jede Organisation ist von Menschen gemacht und Menschen können Organisationen ändern. Um die erfolgreiche Organisation der Zukunft zu denken, müssen wir also an Demokratie glauben, müssen wir Demokratie wollen.

Viele Unternehmen machen sich hierzu heute etwas vor. Sie glauben, dass einzelne Instrumente Agilität, Dezentralität und Selbstverantwortung ermöglichen. Doch demokratische Führungsstile machen keine Organisation demokratischer, OKRs erhöhen nicht die Selbstbestimmung und delegierte Verantwortung an dezentralisierte Bereiche hat nichts mit Dezentralität als Organisation zu tun.

Zum Schluss bringe ich etwas für die Zukunft, aus der Vergangenheit: Vor kurzem habe ich mit KollegInnen ein wichtiges White Paper über die Arbeit von Mary Follett für die moderne Organisationslehre ins Deutsche übersetzt. Sie lebte von 1868 bis 1933, war als Sozialwissenschaftlerin, Managerin und Forscherin tätig und gilt als die Gründerin der humanistischen Organisationlehre, diesem Konzept der gleichrangigen Zusammenarbeit, der kollektiven Verantwortung.

1919 sagte sie: 

”Ich höre mehr Gerede über Zusammenarbeit als über irgendetwas anderes. Aber warum bekommen wir sie dann nicht? Das System der Organisation ist oft so hierarchisch, so auf- und absteigend, dass es fast unmöglich ist, für gegenseitige Beziehungen zu sorgen. Wir können im modernen Business nicht erfolgreich sein, indem wir immer eine Leiter der Autorität auf- und abwärts laufen. Es gibt kein Oben und Unten. Wir können die Menschen nicht als Raumobjekte schematisieren. Statt Macht-über brauchen wir die Macht-mit. Das ist das, was Demokratie in der Politik und in der Wirtschaft bedeuten sollte. Aber da wir nicht die Mittel ergriffen haben, um echte Macht zu erlangen, hat die Pseudomacht ihren Platz eingenommen.“

Mary Follett, 1919

Bleiben wir an dieser Lehre dran, bleiben wir kritisch, bleiben wir wach, bleiben wir im Diskurs.

Weiterführende Literatur & Beiträge zu erfolgreichen Organisationen der Zukunft

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Buchempfehlungen

Gute bereits etwas ältere Literatur – nach wie vor top-aktuell und voll mit Praxisbeispielen:

Menschen sind immer die Lösung.
Und niemals das Problem.