Die Erfindung zweier Managements

Die Geschichte zweier unterschiedlicher, gegensätzlicher Denkschulen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nebeneinander entstanden: Geprägt von zwei praktischen Philosophen: Mary Parker Follett und Frederick Winslow Taylor

We proudly present: Das 17. BetaCodex White Paper “Die Erfindung zweier Managements”

Seit der Gründung des BetaCodex Netzwerks im Jahr 2008 werden “inhaltsreiche, fortschrittliche, visuelle Forschungspapiere” über wichtige Aspekte von Beta und seinen Grundlagen erstellt, frei zugänglich für alle. Im April 2021 haben Niels Pfläging und Silke Hermann das 17. BetaCodex White Paper “The Invention of Managements” in Englisch verfasst. Gemeinsam mit meiner Kollegin Diana Mock und meinem Kollegen Hans Fischer-Schölch haben wir dieses großartige Forschungsdokument nun ins Deutsche übersetzt und empfehlen es wärmstens all jenen, die wertschöpfungsbefördernd, organisations-gestalterisch und demokratiestärkend wirken möchten.

„Das Studium der Gemeinschaft als ein Prozess löst Hierarchie auf, denn es lässt uns eher das Qualitative als das Quantitative betonen.“

Mary Follett, 1919

Hier kommt mehr als eine Leseempfehlung. Es folgen einige Auszüge mit der Einladung, sich dem gesamten White Paper in voller Aufmerksamkeit zu widmen. Dieser geschichtliche Ausflug klärt, schärft, ermöglicht eine richtige Einordnung von Mary Follett´s Schaffen und verbindet es mit zahlreichen Vertretern der Follettianische Schule.

Die Wissenschaft des Managements beginnt nicht, wie üblicherweise dargestellt, mit Taylor und Fayol, sich über die Human-Relations-Bewegung fortsetzend, in der klassischen Schule mündend und schließlich in verschiedene postklassische Zweigen diversifizierend. Stattdessen ist und war die Geschichte des Management die Geschichte zweier unterschiedlicher, gegensätzlicher Denkschulen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nebeneinander entstanden: Geprägt von zwei praktischen Philosophen: Mary Parker Follett und Frederick Winslow Taylor.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leistete der Ingenieur Taylor mit seinem Ansatz der industriellen Produktion Pionierarbeit. Im Jahr 1909 erhielt dieser Ansatz den Namen Scientific Management. Später entwickelte sich daraus das Konzept des command-and-control: Die heute vorherrschende Form des Managements („Alpha”). Zur gleichen Zeit entwickelte eine andere Pionierin, die sozialwissenschaftliche Forscherin und Aktivistin Follett, einen dezentral-demokratischen Ansatz der Organisation („Beta“), der von Politikwissenschaft, Psychologie, Philosophie und Soziologie geprägt war. Während der Taylorismus schon früh in der Industrie und in Unternehmen auf große Resonanz stieß und sofort leidenschaftliche Anhänger und Feinde fand, schlug die Follettianische Denken seine Wurzeln auf etwas leisere Art.

Gründerin der Folletianischen Organisationslehre, Gründermutter des aufgeklärten, humanistischen Zweigs des Managements, Vordenkerin der demokratisch-dezentralisierten Organisation. Die erfolgreiche Denkerin, Wissenschaftlerin, praktische Philosophin belegt ihren Einfluss auf die Praxis durch ihre politische und beratende Tätigkeit im und für das Gemeinwesen und für Wirtschaftsunternehmen.

Folletts Werk war vielseitig und intellektuell anspruchsvoll. Die philosophische und sprachliche Qualität der Schriften Folletts lässt ihr Werk zeitloser erscheinen als das vieler anderer Wirtschaftsautoren. Es scheint so, als ob Follett auch nach rund 100 Jahren noch sehr in unserer Sprache zu uns spricht. Diese Eigenheit hat vermutlich auch zu dem Problem beigetragen, Follett historisch korrekt einzuordnen.

„Ein ernsthaftes Hindernis für Integration, das jeder Geschäftsmann berücksichtigen sollte, ist die verwendete Sprache. Wir haben festgestellt, dass es notwendig ist, andere und auch uns selbst auf eine Haltung vorzubereiten, die Vereinbarungen am förderlichsten ist.”

Mary Follett, 1925

Zugrundeliegende
Prinzipien

„Die meisten Menschen haben sich nicht entschieden, haben nicht einmal überlegt, was die verschiedenen Prinzipien bedeuten… Das ist bedauerlich. Zu wissen, welche Prinzipien irgendeiner unserer Aktivitäten zugrunde liegen könnten, bedeutet, eine bewusste Haltung gegenüber unserer eigenen Erfahrung einzunehmen.“

Mary P. Follett, 1925

Die Prinzipien der beiden Schulen – formuliert in Folletts eigenen Worten,
siehe BetaCodex White Paper No. 17, Seite 12

„Ich höre mehr Gerede über Zusammenarbeit als über irgendetwas anderes. Aber warum bekommen wir sie dann nicht? Zum einen ist das System der Organisation in einem Betrieb oft so hierarchisch, so auf- und absteigend, dass es fast unmöglich ist, für gegenseitige Beziehungen zu sorgen. Der Begriff der horizontalen Autorität ist noch nicht an die Stelle der vertikalen Autorität getreten. Wir können jedoch im modernen Business nicht erfolgreich sein, indem wir immer eine Leiter der Autorität auf- und abwärts laufen.“

Mary Follett, 1927

Die Prinzipien der beiden Schulen – formuliert in Folletts eigenen Worten,
siehe BetaCodex White Paper No. 17, Seite 13

Der Beta-Kodex, bestehend aus seinen 12 Prinzipien, den 12 Gesetzen, bildet die Grundlage für selbstorganisierte Zusammenarbeit, für Organisationsgestaltung im Zeitalter der Komplexität. Dabei geht über die Frage des Verständnisses einzelner Prinzipien hinaus, vielmehr verstärken und befördern die Prinzipien sich gegenseitig. Die 12 Prinzipien umreissen ein konsistentes, unteilbares System für die demokratisch-dezentrale Unternehmensführung. Auch die Alpha-Prinzipien bilden insgesamt ein in sich konsistentes, geschlossenes System. Eine deteillierte Gegenüberstellung aller Beta-Prinzipien der jeweiligen entgegengesetzten Alpha-Prinzipien gibt es hier >>

Heimat der Follettianischen Schule

Das BetaCodex Network ist die erste Bewegung der Organisationswissenschaft, die entschieden und bewusst in Follettianischer Denkweise, ihren Prinzipien und ihrer Forschungstradition verankert ist. Diese Bewegung integriert vielfältige Disziplinen, vielgestaltige Forschungsansätze, Theorieentwicklung und Praxis. Für Follett ist organisationale Führung nicht nur für wettbewerbsfähige Unternehmen, gemeinnützige oder öffentliche Organisationen relevant, sondern auch für die umfassendere Frage menschlicher Regierungsformen und des gesellschaftlichen Fortschritts in einer freien, demokratischen Welt.

„Bürokratische Institutionen mit hierarchischen Strukturen sind für diesen Zweck nicht geeignet und sollten durch Gruppennetzwerke ersetzt werden, in denen Mitglieder ihre eigenen Probleme analysieren und ihre eigenen Lösungen erarbeiten sowie umsetzen können. In echter Demokratie nimmt jeder Einzelne am Entscheidungsprozess teil und übernimmt persönliche Verantwortung für das Gesamtergebnis. Dieser Ansatz gilt, Follett zufolge, für jede Gruppe – ob klein oder groß, privat oder öffentlich, national oder international.”

Pauline Graham, Managementforscherin, 1995

Wir teilen Folletts Überzeugung mit Leidenschaft, dass zeitgemäße Führung von Organisationen der allergrößte Hebel für die Entfaltung des Potenzials von Menschen und Organisationen darstellt, und dass Führung auch zum Fortschritt der Demokratie und unserer Gesellschaften insgesamt beitragen muss.

“Der tiefere Grund für das Studium der Gruppendynamik ist, dass niemand uns Demokratie geben kann, wir müssen Demokratie lernen. Demokrat zu sein bedeutet nicht, sich für eine bestimmte Form der Gesellschaft zu entscheiden, sondern zu lernen, wie man mit anderen Menschen zusammen lebt.”

 Mary P. Follett, 1919

Die visuelle Gestaltung des Whitepapers No 17 “DIE ERFINDUNG ZWEIER MANAGEMENTS” wurde durch das Werk des niederländischen Malers und Kunsttheoretikers Piet Mondrian (1872-1944) inspiriert, einem Zeitgenossen Folletts und Taylors und Mitstreiter der De Stijl-Bewegung. Mondrians Name und Werk sind eng mit den Idealen der Moderne verbunden.


Bewusst oder unbewusst: Jede Organisation hat stets eine Wahl getroffen

Wer behauptet, es sei ein junges Phänomen, dass hierarchische Organisationsformen, die “command-and-control” Unternehmensführung als undemokratisch und wertschöpfungsschwächend kritisiert werde, der irrt. Wer meint, eine integrierte, demokratisch-dezentrale Organisationslehre gab es vor 100 Jahren noch nicht, der weiß zu wenig. Wer glaubt, dass dezentrale Netzwerkstrukturen und selbstorganisierte Teamarbeit moderner Trend sind, der sollte Folletts Schriften lesen, die BetaCodex White Paper studieren, meinen Podcast hören, oder sich hier vertiefen:

Mary P. Follett zum Lesen >>

Lernraum Deluxe zum Teilnehmen >>

Ab Mai gibt es bei Sichtart die Möglichkeit in kleinen Gruppen die Follettianische Organisationslehre zu lernen mit Originaltexten von Mary Parker Follett, der Gründerin der humanistischen Unternehmensführung, Vordenkerin der demokratisch-dezentralen Organisation. >>