Wenn Vereinfachungen be(un)ruhigen und Fehlannahmen schaden

Wer versucht Komplexität zu reduzieren, hat sie nicht verstanden und macht ihre Wirkkraft kaputt. Eine Ode an unseren kritischen Geist, an die erstrebenswerte Alternative zur Vereinfachung

Es muss einfach gehen, schnell erfassbar und leicht verständlich sein, am besten fancy aussehen und in Zahlen gegossenen, messbaren Erfolg bringen. Auch wenn der Preis dafür bedeutet, dass Theorien verfälscht werden, sich Fehlannahmen breit machen, sich das menschliche Potenzial weder in seiner ganzen Vielfalt ausbilden kann noch in die volle Wertschöpfungskraft einzahlt. Die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge in Vier-Felder-Matrixen, Kreisdiagrammen oder Pyramiden ist bestenfalls eine Erklärung ungeübter Denkarbeit, doch auch gleichzeitig eine Bankrotterklärung an unsere großartige Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und aus ihnen zu schöpfen. Wenn Berater als Influencer einfacher Modelle und Blaupausen-Matrixen fungieren und Kund*innen gerne Vereinfachungsprogramme einkaufen, läuft etwas schief. Der Wunsch nach Vereinfachung, gekoppelt an ein unpassendes Ziel, zerstört das Wesentliche. 

 

1/4 Stammt die Maslowsche Bedürfnispyramide von Maslow?

Nein. Maslow selbst wollte, dass seine Motivationstheorie in die Entfaltung des Potenzials der Persönlichkeit, in die Selbstverwirklichung einzahlt. Seine Forschungsarbeiten waren dem Gemeinwohl gewidmet und nicht Organisationen, damit sie effizienter werden. Er wollte die Welt menschlicher machen, herausfinden, wie man Kriege verhindert. Dass aus seiner Theorie des komplexen, dynamischen Zusammenspiels menschlicher Bedürfnisse eine lineare, vereinfachte Darstellung wurde, und in einer Fehlannahme mündete, war weder von ihm gemacht noch gewollt.

Doch 1960 entwarf der Berater Charles McDermid eine Maslowsche Pyramide, um in einem Journal Bedürfnisse mit Vergütungsplänen zu verbinden und versprach damit die maximale Motivation zu den geringsten Kosten. Die Vereinfachung und die Verfälschung der Maslowschen Grundidee, seiner Motivationstheorie hielt somit jubelnd Eingang in die Managementlehrbücher und Management-Praktiken. Sie wird auch heute noch eingesetzt, sogar mit weiteren Elementen aufgetürmt und fließt in Führungskräfteentwicklungsprogramme ein. Einfach, gekoppelt an Effizienz. Der bildlich für alle leicht erfassbar Schaukasten fand und findet in allen Unternehmen bis heute seinen Platz.

Podcast Narrativ-Checks mit Unterschieden, die einen Unterschied machen

Artikel Der Fluch der Vier-Felder-Matrix

“Unfortunately, simplistic framing of problems leads to simplistic answers.” 

Mariana Mazzucato
Ökonomin, Professorin für Economics of Innovation and Public Value am University College London, Gründerin und Direktorin des Institute for Innovation and Public Purpose, Autorin

2/4 “survival of the fittest“ – Beunruhigend passend

Zur Zeit des Kalten Krieges, als die damalige UdSSR und die Vereinigten Staaten in einen Kampf um die nukleare Vorherrschaft verwickelt waren, der die ganze Welt gefährdete, wurde David Loye, Sozialpsychologe, Evolutionssystemwissenschaftler, eingeladen, mit einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern der USA und der Sowjetunion an einem Treffen in Budapest teilzunehmen, um herauszufinden, ob eine neue Sichtweise auf die Evolution helfen könnte, diese gefährliche Situation zu entschärfen. Dabei beschloss Loye noch einmal zu untersuchen, was Darwin tatsächlich über die menschliche Evolution zu sagen hatte und fand u.a. folgendes heraus:

In Charles Darwins Buch „The Descent of Man“ kam der Begriff “survival of the fittest“, der so oft zur Beschreibung von Darwins Evolutionstheorie verwendet wird, auf mehr als 800 Seiten nur zwei Mal vor. Das zweite Mal, indem Darwin sein Bedauern darüber ausdrückte, dass er diesen Ausdruck jemals verwendet hat. Über „Liebe“ schrieb Darwin fünfundneunzig Mal, im Inhaltsverzeichnis kam das Wort jedoch nur einmal vor. Über “Egoismus” schrieb Darwin sechs Mal, während er zweiundneunzig Mal “moralische Sensibilität” erwähnte.

Darwin hat in seinen späten Arbeiten deutlich gemacht, dass bei der menschlichen Evolution andere Faktoren als die natürliche Auslese ins Spiel kommen.

Er beschrieb bereits, dass die Natur des Menschen nicht Aggression und Gewalt sei, sondern vielmehr Teilen und Fürsorge. Darwin argumentiere immer wieder für das, was er gegenseitige Hilfe, Gemeinschaft und gemeinschaftliche Selektion nannte. Er nahm vorweg, was wir heute aus der Neurowissenschaft wissen und war definitiv ein Vorläufer der Chaostheorie und der Theorie der Selbstorganisation. Es gab viele Faktoren, die dazu führten, dass dieser Teil von Darwins Arbeit ignoriert wurde, aber von größter Bedeutung ist, dass die “Raubritter” des Gilded Age in den 1870er-Jahren, die das politische und wirtschaftliche System kontrollierten, sich das zu eigen machten. Indem sie die Fahne des “Überlebens des Stärkeren” schwenkten, rechtfertigten sie nicht nur ihre Macht und ihre Exzesse; sie beeinflussten damit auch die Wissenschaft.

Das ist ein Auszug aus einem Interview, das Riane Eisler 2019 mit David Loye führte.

David Loye, der geliebte Ehemann und Partner von Riane Eisler, starb heuer in der Nacht des 24. Januar an Covid. Seine letzten dreißig Jahre verbrachte Loye damit, sich mit Evolution, moralischer Sensibilität und dem menschlichen Überleben zu beschäftigen. In dieser Zeit schrieb Loye über seine bahnbrechende Entdeckung, dass Charles Darwin eine ganz andere, immer noch weitgehend ignorierte Theorie über die menschliche Evolution hatte: In seinem Buch „Descent of Man“ betonte Darwin die Bedeutung von Kultur, Liebe und Moral, die auch einen Großteil der heutigen Theorien über Chaos, Selbstorganisation und Komplexität vorwegnahm. Das gesamte Interview kann man hier lesen.

3/4 “Die unsichtbare Hand des Marktes”

Oft heißt es, Adam Smith sei ein Gegner der staatlichen Einmischung gewesen. Doch Adam Smith behauptete weder, dass der Staat keine Rolle spiele, noch setzte es sich für eine Privatisierung von staatlichen Dienstleistungen ein. Seine scharfe Kritik an staatlicher Wirtschaftskontrolle bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn man sie in ihrem historischen Kontext betrachtet. Smith stellte die Kontrolle der Oberklasse, der Grundbesitzer über der Wirtschaft infrage. Er kritisiert die „bloße Habgier“ der aufstrebenden Händlerklasse. Mancherorts arbeiten kleine Kinder, schwangeren Frauen täglich zwölf Stunden in Mienen, Kinder mussten bis 14 Stunden am Stück an Maschinen stehen. Der Staat, der vollständig in den Händen der Großgrundbesitzer- und Händlerklasse lag – unternahm nichts dagegen. Alles war darauf ausgerichtet, die wirtschaftlichen Interessen der Machthabenden zu bedienen.

„Ganz sicher wird keine Nation blühen und gedeihen, dessen Bevölkerung weiterhin in Armut und Elend lebt.“

Smith glaubte, dass die Kraft des Marktes dem Egoismus durch Wettbewerb Einhalt geböte. In seinem neunhundertseitigen Werk „The Wealth of Nation“ schreibt er, dass die „unsichtbare Hand des Marktes“ dafür sorgen werde, dass die Marktakteure nicht betrogen würden und der Lebensstandard sich verbessert. Doch seine Theorie wurde auf dominanzgeprägte Denkweise basierend interpretiert und in einem dominanzgeprägten Umfeld umgesetzt. Den Preis zahlen wir heute noch. Die wirtschaftliche Ungleichheit ist kein Alleinstellungsmerkmal eines unregulierten Kapitalismus, sondern vielmehr ein generelles Merkmal von dominanzgeprägten Wirtschaftssystemen. Nicht der Kapitalismus ist das Ungeheuer, sondern die ihm zugrunde liegenden dominanzgeprägten Überzeugungen, Strukturen und Gewohnheiten, die wir aus früheren Zeiten übernommen haben.

Aus: Theorie der ethischen Gefühle, Adam Smith 1759, The Wealth of Nation, Adam Smith 1776/1789 in The Real Wealth of Nation, Raine Eisler, 2008 Deutsche Übersetzung: Die verkannten Grundlagen der Ökonomie

Nichtsdestotrotz ist auch diese Wirtschaftstheorie veraltet, lückenhaft, dysfunktional, ignoriert nach wie vor essenzielle volkswirtschaftliche Beiträge, unbezahlte Arbeit und den Schutz der Natur. Diese Theorie bringt eine dysfunktionale Politik mit sich, und ist für eine gesunde, starke, nachhaltige und friedvolle Gesellschaft unvollständig. Doch das liegt nicht an Adam Smith, sondern daran, wie wir Systeme gestalten, schädliche Muster überwinden und stärkende fördern.

4/4 Pflanzen statt Waffen 

Nicht die letzte Fehlannahme, doch bestimmt eine der ältesten

Fischgrätenmuster, die an Wänden paläolithischer Höhlen gemalt wurden und von vielen Forschern wie selbstverständlich als Waffendarstellungen interpretiert wurden, erwiesen sich bei neuerlicher kritischer Betrachtung als falsch. Neben der Verwunderung über das auffällige Fehlen jeglicher Vegetation in der steinzeitlichen Kunst, gab es weitere Ungereimtheit:

Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass wenn es sich bei den dargestellten Malerei tatsächlich um Waffe, wie zBsp. eine Harpunenart, handeln sollte, würde diese mit geradezu chronischer Zuverlässigkeit ihr Ziel verfehlen. Auch die Untersuchungen der Ritzungen auf einem Knochenobjekt, welches als Waffendarstellung beschrieben war, brachten neuerliche Erkenntnisse: Nicht nur die Hacken der angeblichen Harpune wiesen in die falsche Richtung, sondern auch die Spitze des langen Schafts befand sich an der falschen Spitze. Dafür stimmten die Winkel mit aus einem langen Stamm herauswachsenden Ästen überein.

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich also die traditionelle Ansicht, die Kunst des Paläolithikum stelle hauptsächlich primitiven Jagdzauber dar, als reine Projektion einer Klischeevorstellung.

Mit dem, was tatsächlich zu sehen ist, hat das wenig zu tun. Das Evolutionsmodell vom Mann als Jäger und Krieger hat, mit wenig Ausnahmen, alle Interpretationen paläolithischer Kunst beeinflusst. Erst im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert kam es nach Ausgrabungen in Ost- und Westeuropa sowie in Sibiriern allmählich zu einem Wandel bei der Interpretation älterer und neuerer Funde. In den Forschungsteams befanden sich zunehmend Frauen, die Forscher waren mittlerweile weltliche WissenschaftlerInnen und es begannen nun auch einige Männer, die nie hinterfragen Dogmen des wissenschaftlichen Establishments in Zweifel zu ziehen.
Aus „Kelch & Schwert – Unsere Geschichte, unsere Zukunft“, Riane Eisler

So, und was hat all das mit der Gestaltung von Unternehmen, mit Zusammenarbeit zu tun? Wie wirken sich diese und weitere, dominierende Fehlannahmen auf unsere Arbeitswelt aus? Woran erkennt man, dass sich Behauptungen dieser Art durchgesetzt haben, schädlich wirken? Wo spürt man noch deren Schatten durch so manch eine Organisation jagen?

… gar nicht? Na, dann ist ja alles gut!

Sonst gerne bei mir meldenAls Organisationsentwicklerin mit Fokus auf Agilität, Demokratieentwicklung und organisationales Lernen begleitet ich beim Abbau von Fehlannahmen, unzeitgemäßer Managementpraktiken und diverser Wertschöpfungshindernisse. Immer mit dem Blick auf das Gestalten agiler, freudvoller Arbeitsorte, auf Bedingungen für starke Teamarbeit.