Früher endeten Gehsteige meist mit einer hohen Kante. Für Menschen im Rollstuhl hieß das: Hier geht es nicht weiter. Die Barriere lag im öffentlichen Raum. Ihre Folgen trugen die Menschen, die ihn nicht nutzen konnten. Das änderte sich nicht von selbst. In den 1970er-Jahren kämpften Aktivistinnen und Aktivisten in Berkeley in den USA für abgesenkte Gehsteigkanten. Heute profitieren davon auch Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen mit Rollatoren oder Gehhilfen und Reisende mit Koffern. Die US-amerikanische Autorin Angela Glover Blackwell nennt das den Curb-Cut-Effekt. Er beschreibt ein Phänomen: Maßnahmen, die ursprünglich für Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden, kommen am Ende der gesamten Gesellschaft zugute. Auch Untertitel, ursprünglich für gehörlose Menschen entwickelt, bieten heute weltweit vielen Menschen einen Nutzen. Ebenso erleichtert die Sprachsteuerung, die für Menschen mit motorischen Einschränkungen entwickelt wurde, heute vielen die freihändige Bedienung von Smartphones, und barrierefreie Websites haben die Entwicklung einer intuitiven digitalen Bedienung für alle beeinflusst.
Der Cobra-Effekt – wenn gut gemeinte Maßnahmen das Gegenteil bewirken
Der Gegenentwurf zum Curb-Cut-Effekt ist der sogenannte Cobra-Effekt. Er beschreibt eine Situation, in der eine Maßnahme zur Lösung eines Problems neue Probleme schafft, die das ursprüngliche Problem sogar verschärfen. Der Begriff wurde vor allem durch den Ökonomen Horst Siebert bekannt. Auch wenn ich seine neoliberalen wirtschaftspolitischen Vorstellungen nicht teile, ist der Effekt hilfreich, um sichtbar zu machen, wie gut gemeinte Maßnahmen durch falsche Steuerungsanreize genau jene Probleme verschärfen können, die sie eigentlich lösen sollen: Ein Fördersystem zum Beispiel soll soziale Organisationen effizienter machen. Durch steigenden Kostendruck müssen diese Organisationen jedoch Arbeitsplätze reduzieren, Leistungen einschränken oder mehr Ressourcen in nicht wertschöpfende Verwaltungsarbeit investieren. Dadurch wird Wertschöpfung beschädigt, Folgekosten werden verlagert und die gesellschaftliche Wirkung sinkt. Und das, obwohl – oder gerade weil – die Förderausgaben kurzfristig reduziert werden. Das System spart an einer Stelle und verursacht an anderer Stelle höhere Kosten.
Finnland war international wegweisend bei der landesweiten Umsetzung von Housing First.
Früher sollten wohnungslose Menschen zuerst ihre Suchtprobleme bewältigen, psychisch stabil werden und ihre sogenannte Wohnfähigkeit beweisen. Die Wohnung stand am Ende dieses Weges. Housing First stellt sie an den Anfang. Wohnen ist keine Belohnung für gelungene Anpassung, sondern die Grundlage für Stabilität. Finnland ersetzte dafür Notunterkünfte durch dauerhaften Wohnraum, kaufte und baute Wohnungen und verband Staat, Gemeinden und soziale Organisationen. Die Langzeitwohnungslosigkeit sank deutlich. Laut OECD und offiziellen finnischen Statistiken ging die Wohnungslosigkeit zwischen 2008 und 2023 um rund 72 Prozent zurück. Doch seit 2024 steigt die Wohnungslosigkeit in Finnland wieder an. Als wesentliche Einflussfaktoren gelten Veränderungen und Kürzungen im Sozialleistungssystem, steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und zunehmende finanzielle Schwierigkeiten. Diese Entwicklung verdeutlicht: Dauerhafter Wohnraum und soziale Unterstützung können Wohnungslosigkeit wirksam reduzieren. Werden jedoch die finanziellen Voraussetzungen für bezahlbares Wohnen und soziale Absicherung geschwächt, können die erzielten Fortschritte wieder gefährdet werden.
Ein weiteres Beispiel ist Buurtzorg aus den Niederlanden.
Buurtzorg bleibt ein Erfolgsmodell. Jos de Blok erlebte als Pflegefachkraft, wie mobile Pflege in immer kleinere, messbare Tätigkeiten zerlegt wurde. Planung, Kontrolle und Entscheidungen wanderten in zusätzliche Managementebenen. Die Arbeit ließ sich dadurch genauer abrechnen. Gleichzeitig stieg aber der Koordinationsaufwand, die Qualität sank und die Unzufriedenheit wuchs. Im Jahr 2006 gründete Jos de Blok gemeinsam mit fünf weiteren Menschen Buurtzorg. Hier pflegen kleine, dezentrale, selbstorganisierte Teams Menschen in einem Wohngebiet möglichst ganzheitlich. Fachwissen, Verantwortung und Entscheidung liegen wieder nah beieinander. Was 2006 mit sechs Menschen begann, ist heute eine Organisation mit rund 15.000 Beschäftigten. Hier wurde keine Politik geändert, sondern die Organisation selbst. Buurtzorg spart nicht an der Pflege. Es verringert vielmehr jenen Teil der Organisation, der sich zwischen die Pflege und ihre Wirkung geschoben hat. Und das erfolgreich: für Patientinnen und Patienten, für die Stärkung der Nachbarschaft und für die Gesundheitskassen des Landes.
Das sind Beispiele, bei denen eine Grundannahme des Systems verändert wurde, anstatt Menschen und Organisationen in ein unpassendes System einzupassen. Und genau das ist für den österreichischen Sozial- und Gesundheitsbereich hochaktuell. Bund, Länder und Gemeinden stehen unter erheblichem Sparzwang. Defizite, steigende Zinsen und wachsende Ausgaben für Gesundheit, Pflege und Pensionen sind reale Probleme. Daraus folgt aber nicht, dass jede Kürzung klug ist. Die Politik spricht von Effizienz, Treffsicherheit und Kernleistungen. Förderungen und Tarife werden zurückhaltender angepasst. Zugänge werden enger definiert. Projekte werden verschoben oder Angebote beendet. Der Druck wird so an Fonds, Träger und soziale Organisationen weitergegeben. Dort trifft er auf steigende Gehälter, Mieten und Energiekosten und auf einen wachsenden Bedarf.
Organisationen können das eine Zeit lang auffangen. Mit Rücklagen, unbesetzten Stellen, mehr Fällen pro Person oder kürzeren Beratungen. Doch irgendwann erreicht der Druck die Arbeit, die tatsächlich Wirkung erzeugt. Es wird nicht Verschwendung abgebaut, sondern Wertschöpfung beschädigt.
„Prävention hat ein Bilanzierungsproblem: Ihre Kosten erscheinen heute. Ihr wirtschaftlicher Erfolg besteht häufig aus Ausgaben, die morgen gar nicht entstehen.“ Elisabeth Sechser
Eine Wohnberatung kann einen Wohnungsverlust verhindern.
Sozialarbeit kann verhindern, dass eine Krise eskaliert. Mobile Pflege kann einen Spitalsaufenthalt hinauszögern. Jugendarbeit kann dazu beitragen, dass ein junger Mensch in Ausbildung bleibt. Wird eine solche Leistung gestrichen, verschwindet der Bedarf nicht. Die Kosten wandern weiter. In Spitäler, Psychiatrien, in die Justiz oder die Arbeitsmarktpolitik. Ein Teil landet bei den Angehörigen, also in privaten Haushalten und in unbezahlter Pflegearbeit. Die Kürzung erweckt den Anschein einer wirtschaftlichen Verbesserung, obwohl sie das Gesamtsystem belastet und höhere Folgekosten erzeugt. So entsteht ein Kreislauf: Budgetdruck führt zu Kürzungen. Kürzungen schwächen Wertschöpfung. Die Folgen treten später in anderen Systemen auf, erscheinen dort als neuer Ausgabendruck und begründen die nächste Kürzung. Jede Organisation kann dabei ihr eigenes Budgetziel erreichen. Während das gesamte Netz immer teurer und brüchiger wird.
Auch der IWF sieht diese Form des Sparens differenziert
Der Internationale Währungsfonds, kurz IWF, wird häufig mit strenger Budgetdisziplin verbunden. Doch auch dort wird differenziert. Das Fiscal Affairs Department, also jene Fachabteilung des IWF, die sich mit öffentlichen Finanzen und Fiskalpolitik beschäftigt, wertete zahlreiche Studien zu Sparprogrammen aus und veröffentlichte dazu im Jahr 2023 ein wissenschaftliches Paper. Die Studie zeigt, warum kurzfristige Einsparungen im Sozialbereich nicht automatisch zu einer langfristigen Verbesserung der öffentlichen Finanzen führen. Die Forschenden untersuchten, unter welchen Bedingungen staatliche Sparmaßnahmen erfolgreich sind und wie sie sich auf Wirtschaftswachstum und soziale Ungleichheit auswirken.
Das Ergebnis: Sparen schwächt kurzfristig häufig das Wachstum und verschärft soziale Ungleichheit. Langfristig kann Haushaltskonsolidierung jedoch besser gelingen, wenn öffentliche Investitionen geschützt werden. Dazu zählen Investitionen in Bildung und Gesundheit. Gleichzeitig können gezielte Sozialausgaben die negativen Folgen abfedern.
Island zeigte nach dem Bankencrash 2008, dass auch unter großem Druck unterschiedlich gespart werden kann.
Sozialleistungen wurden weitgehend geschützt, höhere Einkommen stärker belastet. Island ist kein Modell, das sich einfach kopieren lässt. Die Krise war eine andere als unsere. Doch das Beispiel zeigt: Selbst in einer schweren Krise besteht politischer Gestaltungsspielraum.
„Partizipation beginnt nicht dort, wo Menschen innerhalb vorgegebener Rahmenbedingungen mitentscheiden, sondern dort, wo sie diese Rahmenbedingungen selbst mitgestalten.“ Kurt Lewin, Aktionsforscher und ein Begründer der modernen Organisationsentwicklung
Mitgestalten beginnt bei den Rahmenbedingungen
Zu oft höre ich als Beraterin den Satz: „Das sind die Rahmenbedingungen. Wir können diese nicht beeinflussen, jedoch innerhalb dieser gestalten.“ Doch diese Satz beendet das Gestalten, bevor es überhaupt beginnt. Er begrenzt nicht nur den Handlungsspielraum.
Was könnte das aktuell bedeuten? Dazu drei Überlegungen.
- Wertschöpfung über Organisationsgrenzen hinweg sichtbar machen.
Sozial- und Gesundheitsorganisationen können gemeinsam zeigen, welche Krisen sie verhindern und wohin sich Kosten verlagern, wenn Leistungen wegfallen. Dazu gehört das gesamte Netz: Sozialeinrichtungen, Spitäler, Pflege, Arbeitsmarkt, Justiz und Angehörige, Unternehmen. Was heute zwischen einzelnen Budgets verschwindet, kann dadurch sichtbar und besprechbar werden.
- Rahmenbedingungen gemeinsam gestalten.
Fördergeber:innen, Organisationen, Fachkräfte und Betroffene verfügen über unterschiedliche Teile des notwendigen Wissens. Werden sie frühzeitig miteinander verbunden, können Lösungen entstehen, die in einem abgeschlossenen politischen Entscheidungsraum kaum gefunden werden. Gemeinsame Dienste. Bessere Übergänge. Weniger Doppelarbeit und eine Finanzierung, die sich an realen Lebenssituationen orientiert.
- Prävention als Investition behandeln.
Vermiedene Folgekosten und längerfristige gesellschaftliche Wirkung müssen in die Bewertung einfließen. Mehrjährige Finanzierung und gemeinsame Ziele können verhindern, dass ein Budget auf Kosten eines anderen verbessert wird.
Was bei Gehsteigen und Smartphones unmittelbar einleuchtet, fällt uns bei Organisationen, Finanzierung und Politik offenbar schwerer. Dort werden Regeln rasch wie unveränderbare Tatsachen behandelt. Obwohl auch diese Regeln von Menschen gemacht wurden. Die abgesenkte Gehsteigkante zeigt: Eine Barriere im System wurde entfernt, weil das System nicht zu den Bedürfnissen der Menschen passte. Übertragen auf die aktuelle, oftmals ineffiziente Kürzungspolitik bedeutet das: Nicht die Menschen oder die Organisationen müssen sich immer weiter an ein unpassendes System anpassen. Vielmehr müssen wir hinterfragen, ob die Grundlogik dieses Einsparungssystems überhaupt zur Wertschöpfung im Sozial- und Gesundheitsbereich passt.
Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten und Wert schöpfen, sind kein unverhandelbarer Rahmen. Oft wirken Vorgaben, Rahmenbedingungen und Regulierungen wie Naturgesetze. Doch Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sind von Menschen gemachte Systeme. Und deshalb können Menschen – also wir – diese Systeme auch verändern.
Elisabeth Sechser, Expertin für die dezentrale Unternehmensführung, Organisationsarchitektin und Organisationsentwicklerin, Vorstand von CaringEconomy.Jetzt
Ergänzung: Ich führe in dieser Artikelreihe den Begriff REO – Relationale Expertiseorganisationen ein. Im Zentrum steht nicht die Branche oder Profession, sondern die Logik der Wertschöpfung. In REOs entsteht ein wesentlicher Teil der Kernleistung durch die situationsbezogene Anwendung von Fachwissen, Könnerschaft und professioneller Urteilskraft in Beziehung zu anderen. Expertise, Urteilskraft und Beziehungskompetenz sind damit nicht nur Voraussetzungen der Arbeit, sondern selbst Teil der Wertschöpfung.
- Artikel 1: “Es ist gefährlich, wenn sich nicht alle im Unternehmen für Wirtschaft interessieren”
- Artikel 2: “Wenn Effizienz Wertschöpfung zerstört”
- Artikel 3: “Wirtschaftliche Sprachlosigkeit beenden”
- Artikel 5 folgt demnächst: Wenn der Druck von außen kommt – und innen zum Führungsproblem wird
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